– Von der Hanauer Hütte zum Württemberger Haus

Morgenstund hat einen komischen Geschmack im Mund…

Nach dem obligatorischen Schlafbier in der Hanauer Hütte um vielleicht die Nacht mit den Kollegen im Lager zu überleben, war der Morgen dann doch wieder ein kleiner, fieser Genickschlag.

Ich weiss nicht wie es Dir geht, lieber anonymer Blogleser, doch wenn über Schlafhygiene geredet wird, meint man ja im allgemeinen nicht die Sauberkeit, sondern das eigentliche Umfeld…

Wem es schwer fällt mit fremden Menschen in einem Raum zu schlafen und sich durch das Atmen anderer in seinen Persönlichkeitsrechten eingeschränkt sieht, der hat es in der Bergwelt oft nicht leicht…

Von seltsamen Träumen geplagt, versucht man sich am frühen Morgen mit der Rechtfertigung zu trösten, das der Mensch ja nur eine gewisse Portion an Schlaf benötigt…

Bei den Mittdreissigern kommt dann dummerweise noch der Alterungsprozess mit dazu, das ziehen und kneifen an den miesesten Körperstellen wartet nur auf den nächsten Anstieg, um dann wenigstens neue Schmerzfelder zu entdecken, die die Alltagsfieseleien verschleiern…

 

 

 

 

Doch Cafe kann wahre Wunder bewirken…Die morgendliche Zigarette bei nebeliger Sicht beschert dann schon mehr als skeptische Blicke der gutausgerüsteten und geführten Bergtruppe aus Norddeutschland…Man wird in das Lager der ewiggestrigen verbannt und versucht sich in buddhistischer Form abzukapseln…

Doch weiter im Text, meine Hüttenbekanntschaft Andy hatte sich zum großen Ziel gesetzt auf die Passaierspitze zu tigern und da der Kerl sehr angenehm war, beschloss ich ihn auf jedenfall bis zur Steinseehütte zu begleiten…

 

 

 

 

Über die Dremelscharte wollten wir das ganze wagen, dann erstmal einen Cafe trinken und der Frede konnte sich dann noch überlegen ob er bis zum Württemberger Haus mitlatscht…

Also sind wir pünktlich um 8 gestartet…Die 20ger Truppe war schon früher in den Gängen, wir hatten uns entschlossen über die östliche Dremelscharte zur Steinseehütte zu laufen…Angegeben ist die Tour als „schwierig“, das heisst

 

 

 

 

„Ausdauer, Bergsteigerische Erfahrung, Klettertechnik im Ansatz, Schwindelfreiheit und Kraft muss man für diese Etappe mitbringen. Dafür lohnt sie mit Eindrücken, die für ein ganzes Arbeitsjahr reichen. Bergführer wählen Touren-Teilnehmer für den Übergang von der Hanauer zur Württemberger Hütte mit Bedacht aus. Eine einzige ungeübte Person bringt in dieser Region die gesamte Gruppe in höchste Bergnot.“ Guttenbergische Fussnote: Quelle www.hanauer-huette.de

 

 

 

 

Uiuiuiui…
Fakt war und ist…bis zum Württemberger Haus sind 7,5 Stunden angegeben, mit einer Länge von 10 km und ca. 1200 Höhenmetern…Na Holla die Waldfee…Der Aufstieg am Morgen geht erst einmal an einem wunderbaren Bach entlang bis man sich im Kessel zwischen der Dremel und der Schlenkerspitze befindet. Bis dahin ist es noch gemütlich, ok, man wird wach.
Dann aber geht der recht mühselige Weg zur Dremelscharte nach oben, und da fängt die Rauchergeplagte Lunge auch endlich das Pfeifen an.

Und klobig ist es hier…Konzentriert sollte man sein, die Felsbrocken sind eine wahre Freude für die Fussgelenke, man schätzt einen guten Schuh und ist sich der Tatsache bewusst das mann sich hier aber ratzfatz den Fuss verdrehen kann… Im Morgennebel ist der Aufstieg fast schon mystisch und wird durch ein sensationelles Farbenspiel durch hereinbrechende Sonnenstrahlen veredelt…Hosanna schreit es durch die Hirnwindungen…Als Tagestour ist der Weg zur Steinseehütte locker zu machen, die Gefahr besteht eigentlich nur in der Kombination mit dem Weg zum Württemberger Haus…Den wer hier seine Kräfte nicht einzuschätzen weiss kann ordentlich auf die Kauleiste bekommen, dazu aber noch später mehr…

Ist man auf der Dremelscharte angekommen freut man sich über jede Funktionsklamotte die im Rucksack zu finden ist. Bei uns ging ein böser Wind trotz Sonnenschein, Mütze und Handschuh waren nicht so sinnlos. Zu Füssen liegt malerisch der Steinsee. Der Abstieg ist mit Stahlseilen gesichert und wer hier sein Klettersteigset herausholt geht nicht unbedingt als Feigling in die Analen der Berghistorie ein. Aufgrund der Geländebeschaffenheit würde ich das sogar für die weniger erfahrenen empfehlen. Auch wenn es nur ein kurzes Stück ist, der Boden ist extrem gerölllastig und rutschig und man vergisst in der schwäbischen Arroganz oft das Abstiegsverhalten der Nordlichter.

 

 

 

 

Ich hole kurz aus, atme ein und versuche in Kurzform die Problematik zu schildern.
(Was für ein idiotischer Versuch du mitteilungsbedürftiges Musikergewächs…haha frotzelt das Grosshirn während dem schreiben…)

Ich war noch niemals in New York geschweige den in oder auf einem Klettersteig und verweigere dieses auch meinem morgendlichen Saxofonkletterkumpel Ralf…Warum mit einer Masse an Menschen einen Felsen hochklettern wenn man das doch auch mit Seil machen kann:-)
Ich lass mich nur schwer überzeugen das dies auch Spass macht…was ich aber mittlerweile nachvollziehen kann, ist das Argument das man sich so in den Bergen verhalten sollte, dass man sich wohlfühlt…Ich glaube das Trittsicherheit mit der Erfahrung einhergeht…und auch wenn man gerne dazu geneigt ist sich im Adrenalinrausch einer Gefahr zu verschließen, kann ein gesundes Mass an Eigenschutz manchmal sehr sinnvoll sein…

Ich habe kein Klettersteigsicherungsgerät, dafür aber immer ein paar Bandschlingen, Karabiner und ein paar Exen dabei. Man weiss ja nie was man machen muss um sich vor dem Lechtaler Yeti zu schützen…Fakt ist und bleibt…Es gibt keinen Verhaltenskodex am Berg, vielleicht aber die Notwendigkeit sich so einzurichten das es machbar ist…also wer sich unsicher ist sollte bei diesen Trip eine Klettersteigausrüstung mitnehmen, mal kurz umkehren ist an manchen Positionen schwierig…und wenn dann ein paar Einheimische oder auch schwäbische Ignoranten blöd schauen, Safty First Ladies…

 

 

 

 

Vom Steinsee zur Hütte ist es ein gemütlicher Spaziergang, man kommt an einer Pferdeherde vorbei und wundert sich nur kurz, denn nach der Steinbockaktion am Tag zuvor kommt einem hier nichts mehr spanisch vor. In knapp 3 Stunden ist die Tour zu machen, der Cafe an der Steinseehütte ist sensationell und ich konnte auch ein sehr witziges Gespräch mit den Hüttenpächtern auf meinem Rückweg führen, dazu aber mehr im dritten Teil…

 

 

 

 

Nachdem meine Beinchen trotz der Rennradignoranz sich gut angefühlt hatten, entschloss ich mich mit Andy noch den Weg zum Württemberger Haus fortzusetzen…

Wir haben uns für die Route über die Gufelalpe und den Übergang zur Bitterscharte entschieden (Weg Nr. 627) der meiner Meinung nach anspruchsvoller ist wie der gängige Weg über die Route 601 über die Rosskarscharte, die ich auf dem Rückweg gemacht hatte…

 

 

 

 

Der Weg bis dahin ist sehr angenehm. Man läuft durchs Bitterich zu den Bittericher Seen und bis dahin geht das nur auf die Langzeit Kondition. Kleine Steigungen hoch und wieder runter.
Wer die Einsamkeit sucht ist hier richtig…Es verirren sich nicht viele Menschen hier her. Doch die Länge hat es in sich…und wenn man dann am Einstig zur Bitterscharte ist, sollte man vorher noch mal etwas Kraft tanken. Der Aufstieg wird als „schwer“ bezeichnet. Das Geröllfeld ist nicht ohne und der letzte Aufstieg ist mit einem herabhängenden Stahlseil gesichert. Das habe ich nicht benutzt, mir war der Kontakt zum Felsen als Kletterer um einiges lieber, da das Stahlseil recht alt ist und einige Drähte sich liebend gerne in die Hände bohren.

 

 

 

 

Brüchig ist es hier und man sollte tunlichst aufpassen wo man sich festhält. Im Verlauf unserer Wanderung hatten wir eine Gruppe aus Norddeutschland vor uns, die wir an der Bitterscharte eingeholt hatten. Und hier hat sich dummerweise auch gezeigt, das diese Tagestour nicht zu unterschätzen ist. Man ist am Arsch der Welt und die einzige Möglichkeit die es gibt???Weiterlaufen oder Biwak.

Umkehren ist eine schlechte Alternative da das Zeitfenster zur Rückkehr an die Steinseehütte nicht mehr machbar ist, man könnte sich höchstens noch bis zur Gufelhütte durchschlagen. Der Aufstieg ist nichts für Anfänger, nicht nur wegen des losen Geländes, sondern vor allem die Kondition ist hier entscheidend. Denn wer schon 7 Stunden mit schweren Gepäck unterwegs ist, sollte noch in der Lage sein konzentriert zu klettern. Und da fängt der Fisch an zu stinken.

Steinschlaggefahr gibt’s dann als kleines Bonmot oben drauf, und wenn von der vorhergehenden Gruppe ein 10 cm dicker Brocken losgetreten wird und einen halben Meter an Dir vorbeischlägt, freust Du dich über die orangene Murmel eines amerikanischen Outdoorherstellers auf deinem Schädel. Das war auch der einzige Moment am Tag wo das Oststadtkind in mir rausgekommen ist und ich einen Brüller der Wut nach oben schleuderte, warum die Kollegen nicht ein kräftiges „Stein“ gebrüllt haben, obwohl die genau wussten das wir zwei direkt hinter Ihnen beim Aufstieg waren. Nachdem wir aber Bekanntschaft mit den Jungs bei der Pause auf der Scharte gemacht hatten war das auch wieder schnell vergessen. Aber einem Kollegen aus dieser Gruppe ging es richtig schlecht. Der arme Kerl hatte sich mit letzter Kraft nach oben gequält, den Rucksack hat dann der freundliche Kumpel für Ihn geholt.

Und mal ganz ehrlich unter uns Putzfrauen. Wenn die Reserven verbraucht sind, ist das Raster sehr klein um so eine wenn auch kurze Wand richtig einzuschätzen.

Der Abstieg zum Württemberger Haus geht dann sehr zügig und man freut sich über das sensationell freundlich Hüttenpächterpaar und das klasse Essen. Kurz gesagt, das Württemberger Haus war für mich der bisherige Highlight meiner kurzen Bergkarriere, so freundlich und nett und vor allem heimisch habe ich mich selten gefühlt, und werde da aufjedenfall nochmal hingehen…

 

 

 

 

Übriggeblieben sind an diesen Tag aber zwei Erkenntnisse.
Das Lechtal ist in diesen Gebiet sehr anspruchsvoll und fordert den durchschnittlich konditionierten. Eine Woche zuvor musste die Bergwacht 22 Touristen aus dem Berg wegen Schneefalls holen, und das Ende September. Dafür benötigten die Kollegen 2,5 Stunden im Aufstieg. Bei diesen Konditionstieren kann man sich vorstellen was das für eine Leistung ist. Die zweite Erkenntnis, man sollte vorbeireitet sein, nicht nur Konditionell sondern vor allem mit dem Material. Helm/Handschuh/Biwak notfalls ein Klettersteigset und genügend zu essen muss dabei sein. Auch wenn es einen selber nicht trifft, so hat die Begegnung mit dem Kollegen an der Bittrichscharte doch einen Beigeschmack gehabt. Eine Panikattacke und ein Kreislaufproblem an einer Scharte ab vom Schuss macht absolut keinen Spass und macht einem klar das die Grenze zwischen Machbar und Quälerei sehr klein ist.

Ich bezeichne mich als Konditionell durchschnittlich, aber nichts desto trotz ist diese Tour nur im Team zu machen und vor allem ist es keine nette Nachmittagswanderung. Auch wenn jetzt hier ein paar Selbsternannte Outdoorspezialisten die Nase rümpfen und mir am liebsten tausend Argumente entgegen schleudern würden, bleibt die Tatsache im Raum bestehen, das trotz aller romantischen Gedanken die man auf solch einer Tour hat, man immer die Gefahr der Selbstüberschätzung berücksichtigen muss und vor allem eine vernünftige Einschätzung der Machbarkeit seiner Mitreisenden oder auch der eigenen im Blickfeld haben sollte. Abschliessen möchte ich heute mal ein bisschen ernster und ich glaube das folgender Satz aus der Internetseite der Hanauer Hütte seine Berechtigung hat…

„Bergführer wählen Touren-Teilnehmer für den Übergang von der Hanauer zur Württemberger Hütte mit Bedacht aus. Eine einzige ungeübte Person bringt in dieser Region die gesamte Gruppe in höchste Bergnot“

Videoreprtage gibt’s dazu in der November Ausgabe von http://www.stadtkindwandern.de dem montatlichen Internetmagazin.

Advertisements

Ein Kommentar

  1. Habe beide Touren von der Hanauer Hütte sowohl über Steinsee Hütte als auch über Gufelseejoch zum Würtemberger Haus im Alleingang (68 Jahre, heute 70 und bin noch immer „on tour“) gemacht. Es geht doch, auch wenn einige Passagen einiges abverlangen. D.h. aber nicht leichtsinnig zu sein sondern in den Körper hineinhören, dem Berg den notwendigen Respekt zeigen und wenn nötig auch umkehren können. Deine story hat mir gefallen. Mach weiter! Bergheil! Gerhard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s