Mauerläufersteig – Garmisch

Mauerläufersteig – Garmisch Partenkirchen
Klettersteig die Zweite – Und das mit einem seltsamen Vorspann.
Höhe: 250 m
Länge: 400 m
Startpunkt: 1900 m (mit der Alpsitzbahn zur Bergstation Kosten: 25 Euro)
Dauer: 2,5 Std
Kategorie: D/E

Da trifft man sich am Abend vorher noch zum netten Plausch mit den Schlagzeugern im Biergarten und wird mit nur einem Anruf aus dem gemütlichen Moment gerissen.
Erstmal sollte man vor der morgigen Tour sein Sicherungsgerät checken meinte die freundliche Telefonstimme.
Die Firma Edelrid hat ein paar Klettersteigsicherungsgeräte wegen Materialermüdungsgefahr zurückgerufen und beiläufig erfährt man auch das Tourenziel.
Mit dem ersten von vielen Angstschweißattacken rennt man dann nach oben in die Wohnung.
Alles ok. Das Cablekit 3.0 von der Firma unterwegs.biz ist nicht auf der Liste.
Und ja alter Angsthase, die hätten sicherlich angerufen wenn was gewesen wäre.
Zwischendurch googelt man noch schnell die Tour um den nächsten Tritt in die Magengrube zu bekommen. Laut bergsteigen.at ist der Mauerläufersteig einer der schwersten in Deutschland.
400 Meter ist das Dingens lang, und dann auch noch 250 Meter hoch.
Also was macht die alte Oststadtzicke unter dem kontrollierten Blick der Lebensgefährtin?
Ruft erstmal die Kollegen an und sagt ab.
Was soll denn der Scheiss bitte!
Da macht man seinen zweiten Klettersteig und soll gleich diese Wuchtbrumme besteigen?
Naja.
Die Neugier und das Versprechen beim zweiten Rückruf das da noch andere und vor allem leichtere Klettersteige neben dran sind hat mich dann doch überzeugt wenigstens mitzufahren.
Warum auch nicht.
Anschauen kostet ja nichts.
(Denkt sich die alte Oststadtzicke und Paniktante)
25 Tacken meine Freunde kostet die Seilbahn in Garmisch.
Im ersten Moment war der Ego ein wenig geknautscht.
Erinnerungen an lauthalse Diskussionen kommen einem wieder ins Bewusstsein.
Aussagen wie „ja klar, die Touris fahren halt hoch…“ oder „also wenn ich mit der Bahn fahren muss, dann bin ich in Rente…“ oder aber auch die hitzig geführte Debatte um „ der Massentourismus in den Alpen kotzt mich an“ schielen verstohlen um die Ecke.

Lieber anonymer Blogleser.
Wie gerne würde ich dir jetzt berichten das ich heldenhaft die 1200 Höhenmeter von Garmisch zum Einstieg auf 1900m zu Fuss gemacht habe.
Klar würde es sich in einem guten Drehbuch besser lesen, wenn ich dann noch 300 Liegestütze zum warm machen am Fusse des Berges absolviert hätte, während eye of the tiger im Hintergrund durch die Berglandschaft hämmert.
Aber wenn man als Oststadtkind mit den Infos im Hinterkopf vor der Zahlstelle steht, der Magen und die Psyche schon den ganzen Morgen leicht gereizt sind, zahlt man gerne und schiebt das selbstgerechte Pseudogewäsch erstmal auf die Seite.

Die Frage?
Was bedeutet die Aussage „eine der besten – aber auch schwersten – Klettersteigtouren Deutschlands“?
Und überhaupt?
Was bedeutet der Schwierigkeitsgrad D und E?
Und warum ist der Flughafen in Berlin nicht fertig?
Wowi! Raus aus meinen Kopf!
Der Refrain von Andreas Bourani bekommt mit dem Satz. „Und das ist alles nur in meinem Kopf“ eine neue Bedeutung.
Denke ich…
…und versuche nicht panisch aus der Gondel der Alpspitzbahn zu springen nachdem auch diese meinte nach jeden Türmchen erstmal gefühlte dreihundert Meter abzusacken.
Mann wie ich die Dinger leiden kann.
Am frühen morgen ist auf der Bergstation noch nicht so viel los und man latscht in einer halben Stunde zum Fusse des Bernadeinkopfes.

Hoppla.
Das Dinges geht ganz schon steil nach oben.
Vorteil?
Durch den Minianstieg ist man schon mal warmgegrooved.
Ach ja, Ausstiege gibt es bei der Tour keine, also entweder oder heisst es hier.
Das „oder“ wäre aber ziemlich doof. Das bedeutet das dich die Bergwacht rausholen muss und du zur glorreiche Spezie „Meister der Selbstüberschätzung“ zählst und in der Statistik der DAV Berichte auftauchst.
Auch keine schlechte Kneipengeschichte.
„Heh…ich war dieses Jahr die Nummer 37“

…Jetzt denken wir uns einen laaaaaaaangen Moment der theatralischen Stille das durch ein überraschtes und lautes Luft einsaugen unterbrochen wird…

Und wieder einmal muss ich Dich enttäuschen lieber Leser.
Der MadMax Epos wurde leider auch hier nicht abgespielt.
Ein Fetzen von Tourenbeschreibung huscht über die Linse. „Wer den Einstieg sackschwer findet, sollte die Finger davon lassen…Es wird nicht besser…“
(Also sinngemäss stand das tatsächlich so auf einer Internetseite:-)
Meine Fresse, die Tour ist übelst kräftezehrend und schwindelfrei sollte man sowieso sein. Unterarme wie der Drillsargent aus „Apokalypse Now“ und eine Psyche wie ein Bombenentschärfer wären als Bonuskredit für den Neugierigen auch nicht so schlecht.
Ok, Chuck Norris hätte es in der Bibelstundenpause kurz hinter sich gebracht, aber das Oststadtkind?
Ist mit Hängen und Jürgen durchgekommen.
Fatal wer denkt das diese Tour ohne alpine Vorkenntnis zu machen ist.
Die Bandschlinge bekommt erstmal eine neue Bedeutung, und nach knapp 100 Höhenmeter ist man einfach nur froh wenn man sich des öfteren reinsetzen kann.
Das es die gleiche Anzahl an Metern auch hinter dir gerade runtergeht sollte dich in diesen Moment nicht stören.
Eine 5- Touriroute im Frankenjura habe ich letztes Jahr gemacht, die war 28 Meter hoch und persönlicher Hochheitsrekord.
Den Mehrseillängenkurs habe ich dieses Jahr verballert ok, aber bei dieser Höhe???
Klar habe ich mir des öfteren in Gedanken mal kurz in die Hose gemacht und wollte schon meinen ehemaligen Therapeuten anrufen ob ich mit Ihm vielleicht nochmal über Panikattacken reden könnte!
Hallejulia. Tritte gibt es wenig dafür aber Anker bis der Arzt kommt. Manchmal an Positionen die einfach ein bisschen ungemütlich sind.
Des öfteren muss man nur auf Reibung gehen.
Also die Füsse an die Wand stellen, feste zu packen und hoch.
Das schlaucht.
Die Nordwand ist an diesem Kaisertag zum Glück sehr schön kühl.
In der Sonne wäre es für meiner einer nicht möglich gewesen mich da Tarzanmässig hoch zu hangeln.
Krasser Gegensatz zum Einsteigersteig in Bad Hindelang.
Also was mit dem Schwierigkeitsgrad D und E gemeint ist weiss man dann auch nach der ersten halben Stunde.
Das es keine Ausruhmöglichkeiten und keinen Platz zum Vespern gibt kann ich nicht bestätigen. Es gibt ein oder zwei Stellen wo man sich in die Bandschlinge setzen kann und den Rucksack an die Exe hängt.
Das Spachteln geht auch auf Zug und im stehen:-)
Ansonsten kann man irgendwo in Griffnähe eine Riegel platzieren.
Wirkt übrigens wunder.
Aber nicht auf die Nachsteiger bröseln!!!
Apropos bröseln. Das Dingens ist Steinschlag gefährdet und ja!!!
Man sollte das auch laut rausbrüllen wenn was kommt.
Natürlich, und das ist versöhnlich, ist der Spannungsbogen bei dieser Geschichte wie bei Hitchcock
Kurz vor der Auslaufstrecke und vor der Hängebrücke wird es natürlich noch mal überhängend. Wäre ja auch blöd wenn es nicht bis ans Ende übelst abgehen würde und man den Armen eine Pause gönnen würde.
Für was auch.
Wer jetzt wissen will wie lange das Schauspiel dauerte?
Keine Ahnung Freunde.
War leider zu stark mit mir selber beschäftigt um auf die Uhr zu schauen.
Der Mauerläufer bekommt von mir die Wertung: „Wenn Mutti sieht was ich hier mach bekomme ich eine gescheuert, und zwar zu recht…“

Als Fazit kann ich Euch nur einen Blick auf die klasse Seite von Bergsteigen.at empfehlen und das geschrieben Ernst zu nehmen (Die Topo vom Gelände kann man sich downloaden)
Oder?
Kauft Euch am besten einen Tourenführer. Da stehen die Schwierigkeitsgrade und die konditionellen Anforderungen meistens gut beschrieben drin. Wer sich dann langsam durch ein paar Touren nach oben arbeitet kommt mir der Selbsteinschätzung sicherlich besser klar.

Ich war sehr froh mit Leuten unterwegs gewesen zu sein die so was
a:) schon mal gemacht haben.
b.) mich vom Klettern und von Bergtouren kennen und dadurch die Einschätzung ob machbar oder nicht übernommen haben.
Aber?
Für Anfänger ist das Dingens keinen Meter geeignet.

Am Ende bleibt der Bericht leider noch offen und ohne wirkliche Meinung zum Thema „Klettersteig“.
Das imposante Erlebnis muss ich erstmal verarbeiten und mir noch ein paar Gedanken machen.

Visuell ist die Tour der Hammer und es hat mir einen riesen Spass gemacht. Eine Grenzerfahrung was die Höhe anbelangt. Wenn es hinter deinem Arsch 150 Meter steil runtergeht ist das ziemlich ordentlich.
Das Gipfelvesper und der obligatorische Gipfelcafé und die Zigarette danach waren schon lange nicht mehr so lecker.
Dauergrinsen in der Gruppe ist garantiert und hinterher ist ja sowieso alles rosa.

Der leichte Abstieg über den Nordwandsteig zur Bergstation macht durch die drei Tunnel im Berg echt Spass. Aber die Murmel sollte man auflassen. Auch hier herrscht reger Steinschlag.
Und ja.
Ich finde es nach so einem Nervenkitzel absolut in Ordnung noch ein paar isotonische Hopfen und Malzgetränke zu sich zu nehmen um dann leicht verschickert wieder mit der Bahn ins Tal zu fahren.

Und vielleicht kann ich mit dem Kompromiss leben das ich auch nächstes Jahr ab und an einen Klettersteig besuchen werde. (Ich gebe es zu. Die letzten drei Jahre habe ich ganz schön böse über diese Art der Besteigung hergezogen)

Aber die Mehrseillängentouren haben glaube ich nach diesem Hocherlebnis erstmal Vorrang.

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